Die Wege waren unser Ziel
Über fünf Jahrzehnte hat der Peter Meyer Verlag Reiseführer veröffentlicht, die Menschen nicht nur an ein Ziel bringen, sondern ihnen einen bewussteren Blick auf ihre Umgebung und ihr Reiseziel vermitteln wollten. Sowohl programmatisch als auch produktionstechnisch haben wir immer nach neuen Wegen gesucht. Dabei sind wir nie kurzfristigen Trends gefolgt, sondern wollten naturnahe Erlebnisse ermöglichen, die Schönheit von Landschaften, Städten und Kulturräumen sichtbar machen und zu einem respektvollen, nachhaltigen und toleranten Reisen anregen. Denn Reisen erweitert den Horizont. Wer andere Landschaften, Kulturen und Lebensweisen kennenlernt, entwickelt leichter Verständnis, Respekt und Offenheit – Werte, die auch eine demokratische Gesellschaft tragen.
Oder mit den Worten berühmter Persönlichkeiten: “Man sieht nur was man weiß” (Goethe) und “Man sieht nur mit dem Herzen gut” (Der kleine Prinz).
Wir selbst hatten großartige Erlebnisse und Momente mit unseren Autorinnen und Autoren, die uns die Welt nach Frankfurt gebracht und an unserem Küchentisch die Nächte erzählend und lachend durchgebracht haben. Während der Buchmesse war unsere Wohnung mit Schlafsäcken so dicht belagert, dass wir die Losung ausrufen mussten “Die Verleger dürfen zuerst ins Bad!” - denn wir hatten tagsüber die Messe zu bewältigen. Wundervoll war es stets auch mit unseren vielen, vielen Nachwuchskräften, die ihre Pflichtpraktika nicht selten in mehrjährige Volontariate verwandelten oder gleich ganz blieben. Ihre Sicht auf die Welt im Allgemeinen und auf die Texte im Besonderen (was ist eine Ermitage, was ein Bergsporn, wozu braucht man ein Fax?) hat oft zu einer Schärfung unserer Inhalte beigetragen.
Wir haben etiche Ups und Downs erlebt, und bei jedem Unglück, das den Reiseländern widerfuhr, litten wir, die Autor:innen und der Umsatz mit: Bürgerkrieg in Jugoslawien, Öltankerunglück vor Galicien, Entführung in Costa Rica, Putsch in Venezuela (inklusive Gegenputsch in dem Moment, als das Buch aus der Druckerei kam). Wir haben nachts kurz vor Drucklegung des Island-Reiseführers in den Druckfahnen per Hand Ziffern ausgetauscht, weil das isländische Telefonsystem umgestellt worden war. Ähnliches passierte, als nach dem Ende der DDR in Deutschland neue Postleitzahlen eingeführt wurden, was viele Nachtschichten ausgelöst hat … Das Leben von Verlegern besteht, scheint's, vor allem aus Anekdoten.
Wir waren vom IBM Selectric Composer, einer elektronischen Schreibmaschine mit auswechselbarem Kugelkopf (sensationell: man konnte dadurch die Schriftart, ändern z. B. für die Überschriften), zu unserem ersten Computer gewechselt: Das war 1989, ein Commodore Amiga, mit dem konnten wir das ganze (!) Manuskript setzen, bearbeiten und layouten. 1993 erfolgten Satz und Layout mit dem sagenhaften Mäusekino und QuarXPress. In Frankfurt waren wir die ersten im Verlagsbereich, die damit arbeiteten! Der Fischer Verlag zog nach und zwei Annettes – eine von Fischer, eine von pmv – fachsimpelten über Spationierungen und ZABs. Wir gingen mit der Zeit und waren ihr mit unseren innovativen Datenbanklösungen oft einen Schritt voraus.
Und dennoch: Mit der Digitalisierung veränderte sich auch das Reise- und Informationsverhalten grundlegend. Zuerst bemerkten wir es daran, dass wir kaum noch postalische Leserzuschriften erhielten und was an eMails reinkam, dem früheren Umfang nicht mehr gleichkam. Das Internet fing an, die Reise- und Reiseführerwelt umzukrempeln. Heutzutage werden Reiseinformationen, Karten, Bewertungen und Tourenvorschläge einfach per KI abgefragt – kostenlos und jederzeit online verfügbar. Der Markt für klassische Reiseführer schrumpfte über viele Jahre kontinuierlich und gehört heute nur noch zu einem kleinen Segment des Buchhandels. Auch darauf reagierten wir früh: mit digitalen Buchausgaben, GPS-Daten, einem eigenen Onlineshop, nachhaltigen Produktionsstandards sowie dem konsequenten Ausbau nachhaltiger Inhalte. Dennoch ließ sich der tiefgreifende Strukturwandel des Reiseführermarktes nicht aufhalten.
Nach fünf Jahrzehnten endet deshalb die verlegerische Tätigkeit des Peter Meyer Verlags. Was bleibt, sind mehr als zweihundert Veröffentlichungen, zahlreiche Auszeichnungen – darunter zweimal der Deutsche Verlagspreis – und die Gewissheit, dass Reiseführer bzw. Bücher allgemein Menschen für ihre Umgebung begeistern, Begegnungen ermöglichen und zum verantwortungsvollen Reisen beitragen können. Dafür danken wir unseren Autorinnen und Autoren, unseren Leserinnen und Lesern sowie allen Partnern, Praktikantinnen, Druckern, Vertretern und Freunden, die diesen Weg begleitet haben.
Danke.
Eure Annette.